Zurück Start Höher

Kinder brauchen Grenzen (15)

Der Mut zu eigenen Grenzen

Die Grenzen erkennen - Erzieherpersönlichkeit

Die Grenzen erkennen   Eltern opfern sich auf. Eltern ordnen sich unter. Für viele stehen das Kind, das Kindeswohl und die allumfassende Fürsorge an allererster Stelle. Die eigenen Bedürfnisse und Wünsche, das eigene Wohl, das eigene Sich-angenommen-Fühlen werden hintangestellt, eigene Grenzen nicht gespürt, gefühlt und gezogen. Der eigene Körper, die eigenen Gefühle scheinen stillgelegt.

Grenzenlose Liebe, grenzenlose Zuneigung, grenzenloses Aufgehen in der familiären Erziehung haben zu tun mit einer Aufgabe der eigenen Person, des eigenen Selbst. Man mutet sich viel und zu viel zu, man ist ständig für andere, kaum für sich selbst da, stellt sich als jemand dar, mit dem man alles machen kann. Dahinter steckt das Gefühl, immer und ständig gebraucht zu werden, unentbehrlich zu sein; dahinter steckt manchmal Gefall- und Selbstsucht. Wer in der Kindererziehung aufgeht, wird im wahrsten Sinne des Wortes unscheinbar, unsichtbar. Man wird, macht sich zum Opfer und Sklaven, dem nicht Respekt und Achtung, allenfalls Mitleid entgegengebracht wird, dem man freilich, immer wieder aufs neue, Verletzungen und Niederlagen zumutet.

Wer Kinder achten und respektieren, sie für Achtung und Respekt sensibilisieren will, muss lernen, sich selber ernst zu nehmen, sich zu achten, sich zu respektieren. Nur wer sich selber liebt, zu sich selber steht, sich in seiner ganzen Person akzeptieren kann, nimmt andere an, steht zu anderen, vermag sie zu lieben. Nur wer sich selber Grenzen setzt, sie vorlebt, vermag anderen Grenzen zu setzen.

Wer Kindern immer und ständig gefällig sein will, der fällt, fällt auf, stellt sich als Untertan dar, der zieht sich kleine oder größere Herrscher heran, die nur schwer die Fähigkeiten zur Kooperation erlernen, die nur lernen, wie man den eigenen Willen durchsetzt.

Ja zu sich zu sagen schließt allerdings ein, das Ja des Kindes zu sich anzunehmen. Nicht immer und ständig gefällig zu sein, zieht nach sich, dass Kinder ähnliches vorleben. Auch Kinder haben ein Anrecht darauf, nicht immer und ständig zu gefallen. Wer für sich Grenzen setzt, der muss bereit sein, die Grenzen, die die Kinder setzen, anzunehmen.

Erzieherpersönlichkeit   Wer Kindern ein vollkommenes, perfektes Bild des Erwachsenen vorführt, der erschwert ihnen nicht nur die allmähliche Ausbildung von Selbstwert, der verwandelt den Erziehungsprozess in einen Hochleistungssport – "Ich will doch nur dein Bestes!" -, an dessen Ende Ungeduld, Stress, gegenseitige Überforderungen stehen. Kinder brauchen nicht allein den allseits souveränen Erwachsenen. Kinder brauchen auch eine Erziehungsperson, die Fehler macht und eingesteht. Denn Fehler ermutigen den Gegenüber, es anders, vielleicht richtiger zu machen. Die Angst davor, Fehler zu begehen oder zu vermeiden, lässt Erziehung häufig steril, korrekt und gefühllos werden. Sie erschwert Kindern die Ablösung, ermuntert Kinder geradewegs dazu, an der Fassade zu kratzen, um die omnipotente Erzieherpersönlichkeit schmerzhaft auf den Boden der Realität zurückzuholen. Kinder bringen Erwachsene in Konflikte, sie provozieren, wenn diese keine Gefühle zeigen, nur beherrschend sind.

Dies gilt insbesondere für den Umgang mit Aggressionen oder Gefühlen wie Wut, Zorn und Hass. Auch diese müssen Kinder erst allmählich erlernen. So erleben die Heranwachsenden an ihren Eltern häufig einen wenig gekonnten Umgang mit Aggressionen: Eltern verdrängen bzw. rationalisieren ihre Aggressionen oder leben diese offen als Erniedrigung, Destruktion und Misshandlung aus. Wichtiger denn je sind für Kinder und Jugendliche jedoch erwachsene Bezugspersonen, die die eigenen aggressiven Persönlichkeitsanteile akzeptieren können, ohne dass diese in eine verbale und physische Schädigung anderer umschlagen. Nur so kann Kindern und Jugendlichen ein Modell vorgelebt werden, an dem sie sich orientieren und abarbeiten können. Denn die Faszination überlebensgroßer Medienhelden liegt darin begründet, dass Persönlichkeiten mit Ecken und Kanten im realen Leben der Heranwachsenden immer weniger vorkommen.

Schulische Erziehung als Teil des Sozialisations- und Kultivierungsprozesses von Heranwachsenden hat mit Aggressionen im weitesten Sinne zu tun – eben mit Aggressionen im ursprünglichen Sinn des Wortes: sich fortbewegen, weg vom Erreichten und hin zu neuen Möglichkeiten und Fertigkeiten. Die Entfaltung der Persönlichkeit ist ohne Aggression nicht denkbar. Aber genauso gilt: Selbständigkeit und Kreativität von Jugendlichen kann durch erzieherische Aggression gehemmt und behindert werden. Deshalb ist es wichtig, zwischen einer gekonnten und einer ungekonnten erzieherischen Aggression zu unterscheiden.

'Dich mach ich fertig!' In der ungekonnten erzieherischen Aggression wird das Kind zum Objekt von Macht- und Beherrschungsimpulsen des Pädagogen. Da solche Impulse aber gesellschaftlich und sozial sanktioniert sind, wendet man sie auf zwei Weisen an: Durch Verdrängung und Verleugnung der eigenen aggressiven Impulse und ihre Abspaltung und Projektion auf Sündenböcke. Andere werden verantwortlich gemacht, schuldig gesprochen, dass man selber böse sei, eben so sein muss, wie man eigentlich nicht ist. Durch Rationalisierungen, anders ausgedrückt: Weil Kinder/Jugendliche nicht den vorgegebenen Erwartungen, dem Werte- und Normensystem bzw. überzogenen Zukunftserwartungen der Eltern oder der Pädagogen entsprechen, kommt es zu Sanktionen, zu Bestrafungen und Erniedrigungen, die – und dies ist entscheidend – nicht den kritisierten Sachverhalt, sondern das Kind treffen, es entmündigen bzw. klein halten. Die ungekonnte erzieherische Aggression nimmt Kinder in ihrem Hier und Jetzt nicht an. Kinder werden auf eine imaginäre Zukunft hin getrimmt, damit in ihren aktuellen Befindlichkeiten nicht ernst genommen. Die ungekonnte erzieherische Aggression nimmt Kinder in deren zerstörerischem Verhalten nicht an und übt nicht selten falsch verstandene Nachsicht. Laissez-faire und Gleichgültigkeit gegenüber zerstörerischem oder provokativem Verhalten übersehen die in diesen Handlungsmustern enthaltenen Zeichen und Hinweise. Der Diebstahl z.B. wird zu einem Ritual, das sich mit der Zeit allerdings verselbständigt und Ausgangspunkt für weitere Grenzüberschreitungen bedeutet. Da sie sich über Diebstahl ausdrücken wollen, ist dem nur aktiv – d.h. regel- und grenzensetzend – zu begegnen. Sonst könnten andere, gravierendere Grenzüberschreitungen die Folge sein. Aus Sicht der Jugendlichen erscheint dies als Gleichgültigkeit, ihnen werden Eckdaten und Grenzen vorenthalten, die zur Orientierungslosigkeit, zur Unsicherheit über Normen und Werte führen.

Die gekonnte erzieherische Aggression bietet demgegenüber Möglichkeiten, sich am Jugendlichen zu orientieren. Sie setzt jedoch dem ungebremsten Ausleben jeglicher aggressiver Impulse klare und offene Grenzen. Wer Grenzen setzt, der sollte bereit sein, die Hassimpulse seiner Kinder anzunehmen, sich auf Konflikt, Streit und Zoff vorzubereiten. Wer Grenzen setzt, der riskiert, dass sich Kinder und Jugendliche an diesen Grenzen reiben und erhitzen. Die gekonnte erzieherische Aggression baut auf das vielschichtige Bild einer Erzieherpersönlichkeit auf, die von den Schülern geliebt, manchmal abgewiesen, ja sogar gehasst wird; die Orientierung bietet und Modell vorlebt, die nicht Kumpel, sondern Partner ist. Die Beziehung wird um so klarer, näher und fester, je weniger sie von Projektionen ausgeht. Eine dieser Projektionen ist die vermeintliche 'Engelhaftigkeit' der am Erziehungsprozess Beteiligten. Eltern und Kinder sind Teufel und Engel in einer Person. Die Thematisierung von Hass und Liebe, von Wut und Mut, von Nähe und Distanz, von Annahme und Loslassen sind Voraussetzungen für einen ehrlichen Umgang, für ein offenes Miteinander, für eine Kultivierung aggressiver Impulse.

Die gekonnte erzieherische Aggression hat dazu drei Möglichkeiten: Sie erkennt die Symbolik und Funktion aggressiver Handlungen. Trotz solch verstehender Annäherung setzt sie aggressiven Impulsen Grenzen. Dadurch nimmt sie diese ernst. Sie fordert Kinder, ermutigt sie, gesellschaftlich sanktionierte Persönlichkeitsanteile – z.B. Aggressionen – zu zeigen, und mutet ihnen Frustrationen zu.

Die gekonnte erzieherische Aggression unterscheidet dabei zwischen materieller und emotionaler Frustration. Während sie letztere vermeidet, sich bemüht, Kinder auch dort in ihrer Person anzunehmen, wo sie Grenzen überschreiten, erfüllt sie in materieller Hinsicht nicht alle kindlichen Wünsche und Bedürfnisse. Kaufen und Konsum suggerieren die Erfüllbarkeit aller Träume – aber Kaufen und Konsum tilgen persönliche Bemühungen. Sie genügen irgendwann nicht mehr. Während Heranwachsende materielle Frustrationen durch List, Hinterlist und subversive Phantasie umgehen und vermeiden können, erniedrigt sie die emotionale Frustration oder führt sie dazu, sich über aggressive Handlungen jene Aufmerksamkeit zur verschaffen, die sie ansonsten nicht erhalten.